Was macht Menschen dann unverzichtbar?

Ich habe als Elektriker angefangen, im Kabelkanal. Heute stehe ich auf Bühnen und spreche darüber, wie Menschen, Technologie und Organisation zusammenfinden. Dazwischen liegen fünfundzwanzig Jahre, in denen ich zugehört habe, wie über Fähigkeiten geredet wird.
Diese Woche in Graz hat jemand anderer die Frage gestellt, die mich seitdem begleitet.
Die Folie
Patrick Ratheiser zeigte eine Folie. Überschrift: Was macht Menschen dann unverzichtbar? Darauf fünf Kreise. Technologieverständnis. Kreativität. Empathie. Problemlösung. Kommunikation.
Darunter stand eine Zeile: „Alles richtig. Aber mir fehlt ein Wort.“
Nils Müller setzte an diesem Abend dieselbe Richtung mit einem anderen Satz. Im Zeitalter der Alien Intelligence gilt es, more core human skills zu stärken.
Beide haben recht. Und trotzdem ist mir etwas aufgefallen. Alle fünf Kreise beschreiben, was ein Mensch kann. Das ist Funktion auf hohem Niveau. Funktion bleibt sie trotzdem.
Wie der Mensch ins Eck geraten ist
Dafür lohnt ein Blick zurück.
Jahrtausendelang lief Wissen von Mensch zu Mensch. Am Feuer, durch Zuhören, durch Zeigen.
Vor rund zweitausend Jahren brachten die Römer Struktur. Verwaltung, Straßen, Logistik, Organisation als System.
Vor rund zweihundert Jahren übernahm die Maschine den Takt. Industrialisierung in zwei Stufen.
Vor rund dreißig Jahren kam das Internet. Beschleunigung wurde zum Normalzustand.
Und seit drei Jahren sitzt KI in den Werkzeugen, die wir täglich öffnen.
Zweitausend, zweihundert, dreißig, drei. Jede Stufe rund zehnmal kürzer als die davor.
Auf jeder dieser Stufen ist dasselbe passiert. Die Fähigkeit in der Sache hat an Wert gewonnen. Das Sein hat Platz verloren. Nicht aus Bosheit, sondern weil Struktur, Takt und Tempo messbar sind und das Sein nicht.
Jetzt überholt uns das Tempo. Und plötzlich fragen alle nach dem, was wir zuletzt weggeräumt haben.
Mein Wort heißt Verbundenheit
Das ist meine Antwort, nicht seine.
Verbundenheit ist keine Fähigkeit, die man besitzt und in ein Profil schreibt. Sie entsteht zwischen Menschen oder sie entsteht nicht.
Wissen über Generationen weitergeben. Erfahrung teilen. Unsicherheit und Mut aus der eigenen Geschichte aussprechen, auch wenn beides unfertig klingt.
Sie klingt ungefähr so:
„Weißt du noch, bei deinem ersten Job?“
„Wie ich damals gegründet habe.“
„Mich hat die Geschäftsführung völlig überfordert. Ich habe mich gefragt: Kann ich das überhaupt?“
Und von der anderen Seite klingt sie so:
„Wenn du in den Raum kommst, füllt er sich mit anderer Energie.“
„Du bist so aufmerksam.“
Keiner dieser Sätze steht in einem Kompetenzmodell. Sie fallen am Lagerfeuer.
Was das für Organisationen bedeutet
In der Elektrotechnik heißt es Blindleistung, im Englischen reactive power. Strom, der fließt, jede Leitung belastet, Geld kostet und keine Arbeit verrichtet.
Organisationen haben dasselbe. Aufwand, der fließt, alle belastet und nichts erzeugt.
Wer genau das automatisiert, gewinnt keine Wertschöpfung. Er bekommt schnellere Blindleistung.
Die Frage, die hängen bleibt
Nach dem Abend sind mehrere Menschen auf mich zugekommen, fast alle mit derselben Formulierung: „Deine Frage bohrt sich in die Gedanken. Und dann merkt man, gar nicht so einfach.“
Die Frage lautet: Wer bist du, wenn du nicht funktionieren musst?
Sie ist unbequem, weil es darauf keine Antwort über die Funktion gibt. Titel helfen nicht. Projektstand hilft nicht. Man beantwortet sie als Mensch oder gar nicht.
Einen Satz höre ich dabei seit fünfundzwanzig Jahren, leise und fast entschuldigend: „Ich hab ja nur eine Lehre gemacht.“ Dabei heißt eine Lehre genau das: früh mit den Händen gearbeitet, früh mit Menschen gearbeitet, früh gemerkt, dass eine Maschine nicht diskutiert und ein Team schon.
Das ist keine Vorstufe. Das ist Training in Verbundenheit.
#Verbundenheit #Künstliche Intelligenz #Führung #Transformation #Blindleistung
Beschreibung: Fünf Antworten standen auf der Folie, was Menschen unverzichtbar macht. Mir fehlt eine sechste: Verbundenheit.
Über den Autor
Jürgen Menhart ist Keynote Speaker und Autor. Nach 25 Jahren in Automatisierung und Industrie begleitet er als DER TRANSFORMANIST Unternehmen in ihrer Transformation. Seine These: Der Engpass gelingender Veränderung liegt selten in der Technologie. Er liegt in Führung, Kultur und der Zusammenarbeit der Menschen.
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